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Bestandsaufnahme.

„Ich müsste viel öfter zum Hafen fahren“ denke ich jedes Mal, wenn ich hier bin, und atme tief ein, als ich aus dem Auto steige. Ich schließe ab und laufe vorbei an den alten, hunzligen Kapitänshäusern, den Steg hinunter zum Elbufer.

Die Luft schmeckt ein kleines bisschen nach Meer, zumindest bilde ich mir das ein, und das Wasser des Flusses schiebt sich träge, dunkel und fast lautlos an mir vorbei. Es ist beinahe windstill, irgendwie ungewöhnlich für diese Stadt. Ich setze mich auf eine verwitterte Bohle auf dem Ponton des Fähranlegers Oevelgönne und schaue mich um. Hinter mir liegt ein altes Schiff, in welchem sich inzwischen ein Restaurant befindet. Geschirrgeklapper und Stimmengewirr, manchmal sogar ein fröhliches Lachen, klingen durch die trotz der herbstlichen Kühle geöffneten Bullaugenfenster. Links neben mir hebt sich schwer und behäbig ein großes Gebäude in den rötlichen Nachthimmel, das Augustinum. Hinter manchen Fenstern ist das Licht schon erloschen, doch andere sind noch hell erleuchtet und ein bläuliches Flackern verrät den eingeschalteten Fernsehapparat. Rechts von mir wird es schwarz, ein bisschen weiter hinten beginnt schon der Elbstrand. Man kann ihn von hier aus nicht sehen, dazu ist es zu dunkel, aber ich weiß, dass er da ist, ich war dort im Sommer manchmal zum spazieren gehen. Dann fällt mein Blick auf das hell erleuchtete Gebiet gegenüber, das Hafengebiet, den Burchardkai. Um mich herum ist es auf einmal ganz still, nur gegenüber knarzt und ächzt es, metallische Gegenstände reiben, quietschen und schlagen aneinander, begleitet von stetigem Brummen der Motoren. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz beruhigend und starr, die roten und gelben Lichter an Gebäuden und Kränen, Straßenlaternen und Scheinwerfer tauchen alles in sanftes Licht. Ewig könnte ich da hinüber schauen, wie ins Feuer oder auf das offene Meer. Ich lasse meinen Blick also ruhen und mir fällt auf, dass dort drüben in Wirklichkeit gar nichts starr ist, alles bewegt sich, rastlos. Kräne drehen, heben und senken sich, kleine und große Transportfahrzeuge rollen unablässig, Container werden auf große Frachter verladen, Schiffe, die eher an sichere Bunker erinnern, an starke Felsen in der Brandung.

Plötzlich sehe ich sie ganz deutlich, die Parallelen zu meinem Leben. Wie oft scheint etwas beständig zu sein, was beim genaueren Betrachten alles andere als das ist? Wie oft denke ich, den roten Faden endlich gefunden zu haben, bevor er sich kurz darauf in viele einzelne Fusseln aufzulösen scheint? Wie oft spüre ich diese innere Rastlosigkeit, die man mir äußerlich gar nicht ansieht?

Langsam gehe ich zurück zum Auto und denke nach. Als ich nach Hamburg zog, fühlte ich mich fremd, unwillkommen und alleine. Inzwischen, zweieinhalb Jahre später, ist aus der fremden Stadt ein Zuhause geworden, mein Zuhause. Ich atme nochmal tief ein, schmecke die Stadt auf der Zunge und freue mich auf die Zukunft.
 
Berlin, du musst jetzt ganz tapfer sein. Ich weiß, es wird dich schockieren, aber es ist soweit, du musst ein kleines Stückchen zur Seite rücken und Platz machen. Auch, wenn du immer meine Wurzel und Heimat sein wirst, mein Herz gehört nicht mehr dir allein.

Liebst,

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Oh hi, Depression – eine Diagnose kommt selten allein

Oh hi, Depression – eine Diagnose kommt selten allein

Da steht sie plötzlich, schwarz und fett auf einem blassrosa Papier, die Tinte ein bisschen verschwommen. Eine Abkürzung, die mir die Tränen in die Augen schießen lässt – genau jetzt und unzählige Male in der letzten Zeit, immer wieder, ungebremst rückwärts bergab und keine Chance, die Bremse zu ziehen.

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It's okay to be not okay. Ok. I am not.

It's okay to be not okay. Ok. I am not.

It’s okay to be not okay.
Ok. I am not.

Das Meer ist ganz ruhig, ganz glitzernd und spiegelt, es schwimmt sich ganz easy, routiniert geht’s voran.

Von Strömungen, die sich da langsam aufbauen und heimlich ganz stark werden, merkt man vorerst nichts. Nur vielleicht, dass man plötzlich ein bisschen mehr Kraft braucht, um das Tempo zu halten, das man sonst von sich kennt.

Man kommt weiter gut vorwärts, glaubt: Man, ach, das geht schon! Denn irgendwie geht es ja weiter voran. „Ich stell mich nur an grad, ich bin einfach müde, dann geht es heute eben bisschen früher ins Bett.“

Dass die Strömungen inzwischen Strudel wurden, die alles gierig und stark alles in den Abgrund ziehen, die reißen und tosen, die wüten und rauschen, das bleibt verborgen, das sieht man schlicht nicht.

Man schwimmt einfach weiter, mehr Kraft noch, das geht schon, das Meer scheint doch ruhig und der Himmel noch blau. Doch der Strudel, der wildert beharrlich nach unten, mehr Kraft noch, mehr Sog folgt, dann zu viel und zu laut.

Bis man – viel zu spät dann – endlich realisiert, dass gar nichts mehr rund läuft und man nicht mehr kann.

Blöd nur, dass die Kraft da schon lang nicht mehr ausreicht, um zurück zu kommen und nicht unterzugehen.


Warum ich das schreibe, das öffentlich mache? 
Weil ich nicht okay bin.
Und das ist okay.

Und weil’s mir so schwerfällt, darüber zu sprechen, weil ich das schlichtweg einfach (noch) nicht so gut kann. Doch es musste mal raus jetzt und es scheint so viel leichter, die Worte zu schreiben, die ich nicht aussprechen kann. Sie mir einzugestehen und sie mir zu erlauben, das ist ein Anfang. Der Weg ist lang, doch das Ziel ist das Ziel. Und wenn ich da ankommen, dann will ich wieder ich sein. Und wieder ich werden? Da arbeite ich jetzt dran.

Liebst,

Auch das noch: Ich hab AD(H)S als Erwachsene

Auch das noch: Ich hab AD(H)S als Erwachsene

Keine Ahnung, ob du es vielleicht schon bei Instagram verfolgt hattest oder ob das hier jetzt komplett neu ist: Ich habe AD(H)S, das erst kürzlich bei mir diagnostiziert wurde.. Ein bisschen was habe ich schon dazu erzählt und geschrieben, aber irgendwie ist das nicht nur ein Thema für Instagram, sondern auch für hier  und ich glaube, deswegen werde ich jetzt nach und nach auch auf meinem Blog darüber schreiben. 

Pünktlich zum Mental Health Day am 10. Oktober war es jedenfalls so weit: Wochenlang hatte ich überlegt, ob ich in der Öffentlichkeit überhaupt darüber sprechen möchte, und plötzlich war es ganz klar: Die Zeit des Versteckens muss vorbei sein, wir müssen über Dinge sprechen, wenn wir sie ändern, wenn wir sie enttabuisieren wollen. 

Seit immer schon versuche ich, meine „Schwächen“ zu verstecken, meine „Makel“ und Eigenschaften, die ich mir immer weggewünscht habe und ständig versucht, zu maskieren. Ich hab weder über den Burnout gesprochen, der mich vor etwa 10 Jahren in die Knie zwang, noch über die Therapien, die ich gemacht habe, geschweige denn von all den anderen Dämonen, mit denen ich hin und wieder kämpfe.

Und auch meine neuste „Errungenschaft“, AD(H)S – spätdiagnostiziert im Erwachsenenalter – wollte ich erst weder wahrhaben noch darüber reden. Ich weiß seit einer kleinen Weile, dass ich ADHS habe. Irrsinnig viel erklärt sich dadurch, und dennoch ist es noch schwer zu fassen. Ich stehe am Anfang, aber ich bin auf dem Weg. Und ich werde drüber sprechen. Weil endlich Schluss sein muss mit dem Maskieren – und zwar in jegliche Richtung.

Und jetzt entschuldige mich, mein Mutausbruch macht mir Angst, ich muss mir mal kurz die Decke über den Kopf ziehen. 🙈

Falls du jetzt aber Lust  bekommen hast, mehr darüber zu hören, dann here some good news. Wir haben für den Mamsterrad-Podcast mit den AD(H)S-Expertinnen Dr. Ismene Ditrich, Fachärztin für Psychologie und Psychiatrie, und Dr. Christa Koentges, Psychologin und Psychotherapeutin, über AD(H)S im Erwachsenenalter und insbesondere bei Frauen gesprochen. Die ganze Podcastfolge gibt es hier:

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Weitere Informationen

Wenn dich das Thema „AD(H)S im Erwachsenenalter“ interessiert, habe ich hier noch ein paar wirklich tolle Buchtitpps für dich:

„Die Welt der Frauen und Mädchen mit AD(H)S“

Frauen und Mädchen mit AD(H)S erhalten viel seltener eine Diagnose als Männer und Jungen, denn ihre Symptome fallen weniger stark auf: Betroffene Frauen und Mädchen sind weniger hyperaktiv, dafür verträumt, unaufmerksam und vergesslich. Die zu späte oder fehlende Diagnose kann weitreichende Folgen haben: Der Leidensdruck bleibt meist über Jahrzehnte bestehen, schadet ihrem Selbstwertgefühl und zieht Folgeerkrankungen nach sich.

Die vier Expertinnen der Freiburger Arbeitsgruppe AD(H)S leisten in diesem Buch wichtige Aufklärungsarbeit für Frauen mit AD(H)S sowie für Eltern betroffener Mädchen. Mit vielen Einblicken aus der Forschung, Fallgeschichten, Reflexionen und Übungen zur Selbsthilfe zeigen sie konkrete Wege auf, wie Betroffene mit ihrer Besonderheit Frieden schließen, ihre vielen Stärken entdecken und gut mit AD(H)S leben können.

BUCH BESTELLEN*

„Hirngespinste: Mein Leben mit ADHS“

Sätze wie „Ein bisschen ADHS hat doch jeder.“, „ADHS gibt es doch gar nicht.“ oder „ADHS haben doch nur kleine Jungs.“ gehören für Lisa Vogel zum Alltag. Wie es ist, als erwachsene Frau mit ADHS zu leben, welchen Vorurteilen man ausgesetzt ist und was im Alltag hilft, davon handelt dieses Buch.

Lisa räumt mit Mythen rund um die Stoffwechselstörung im Gehirn auf. Denn nicht jede/r mit ADHS ist ein zappeliges Kind, schlecht in der Schule oder auffällig im Erwachsenenalter. Mit ihrer späten Diagnose begann ihre Reise zu sich selbst, aus der ihr Wunsch erwuchs, andere auf dieser Reise zu begleiten, ihnen Verständnis zu schenken und sie vor Selbstzweifeln zu schützen.

Aktuelle Erkenntnisse und Studien zum Thema ADHS bei Erwachsenen runden das Buch ab.

BUCH…

8 Kommentare

  1. Und Hamburg hat in seinem Herzen Platz für dich gemacht.

  2. Ich bin auch so wahnsinnig verliebt in Hamburg 🙂
    So schön München sein kann. Hätte ich die Wahl, wär ich schon längst öfter dort.

  3. Deine Schreibe lässt mich nach Hamburg sehnen. Irgendwann muss ich das selbst sehen. 🙂

  4. Dein Herz hat richtig entschieden. Und Hamburg fusselt nicht!

  5. da schiessen mir gleich die tränen in die augen- so so schön hast du das geschrieben- kleine schwester- doch deine worte machen mich auch ein wenig traurig- du fehlst hier – aber -wie gut, dass du dich so wohl fühlst- das beruhigt wieder – hab dich sehr lieb

  6. Schöne Worte und sie treffen genau das Gefühl, das ich auch hatte oder habe. Obwohl Berlin meine biologische Heimat ist, sozusagen, dich allerdings auch früh verließ, ist Hamburg die Heimat meines Herzens. Man fühlt sich am Anfang fremd und es ist immer scheiße kalt, aber im Innern ist es verdammt warm, nein, eigentlich heiß, dort. Hach.


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